Rundbrief »KDV im Krieg« - Februar 2018

Rundbrief »KDV im Krieg« - Februar 2018

Syrien: Flucht vor der Wehrpflicht des ISIS in Deir Ezzor

Interview

von Yasser Allawi, News Deeply – Syria Deeply

Als der sogenannte Islamische Staat (ISIS) eine Wehrpflicht für alle Männer im kampffähigen Alter in Deir Ezzor anordnete, wusste Ali, dass er keine andere Wahl hatte, als Schmuggler anzuheuern und aus der östlichen Provinz zu fliehen.

 

ISTANBUL. Ali war noch in der Oberschule, als der sogenannte Islamische Staat (ISIS) 2014 ein großes Stück des Territoriums von Deir Ezzor besetzte. Drei Jahre später gab ISIS die erste Anordnung zu einer Wehrpflicht für alle Männer im wehrfähigen Alter aus der östlichen Provinz heraus. Da war ich 20, so Ali.

Als Ali, dessen Name aus Sicherheitsgründen geändert wurde, unter der Herrschaft der militanten Gruppe lebte, neigte er dazu, sich den Extremisten anzuschließen. Aber sein Vater, der unerschütterlich gegen ISIS war, hielt ihn davon ab.

Als ISIS im August diesen Jahres damit begann, zwangsweise Männer einzuberufen, verstand Ali die Ängste seines Vaters. Im September floh er aus der Provinzhauptstadt von Deir Ezzor in Richtung Osten, um der Wehrpflicht zu entgehen. Zufällig führte ihn sein Weg in die von der Freien Syrischen Armee gehaltene Stadt Jarablus in der Nähe der Grenze zur Türkei.

Syria Deeply sprach mit Ali über sein Leben unter ISIS, die Wehrpflicht und wie er aus Deir Ezzor floh.

Wie war Dein Leben unter der Herrschaft des ISIS in Deir Ezzor? An was erinnerst Du Dich?

Ali: Vor allem an die vielen öffentlichen Verfahren und Exekutionen. Ich erinnere mich an ein Verfahren im September letzten Jahres in der Stadt Mayadeen. ISIS führte ein Verfahren gegen einen Mann durch, der als Dieb angeklagt war. Die Kämpfer von ISIS stellten einen Tisch mitten auf den zentralen Platz der Stadt. Bewaffnete Soldaten standen in Reihen auf dem Platz. Anwohner standen in einem Kreis um den Tisch und sahen zu. Einer der bewaffneten Kämpfer gab die Anklage und das Urteil bekannt, ein anderer Mann schlug dem jungen Mann eine Hand ab. Dann begannen sie zu rufen: „Allahu Akbar“.

Warum hast Du Deir Ezzor verlassen?

Ali: ISIS gab eine Anordnung zur Einführung der Wehrpflicht heraus, nachdem es ständige Verluste in Mossul im Irak, Raqqa in Syrien und anderen Städten im Süden Hasakas gegeben hatte. Ziel dieses Gesetzes war, die großen Verluste zu ersetzen, da ISIS viele Kämpfer benötigte, um die verschiedenen Fronten zu unterstützen.

Ich hatte vorher dazu geneigt, mich ISIS anzuschließen, insbesondere, weil viele Freunde meines Vaters mich dazu ermutigten. Aber als das Gesetz herauskam, hatte ich schreckliche Angst und realisierte, dass mein Vater Recht damit hatte, dass ich nicht gehen sollte. Ich fühlte, dass es einen Unterschied gibt, ob ich mich anschließe, weil ich daran glaube, oder ob ich dazu gezwungen werde. Mein Vater war von diesem Gesetz auch entsetzt und wusste, dass es für mich keinen Weg gibt, mich dem zu entziehen. So organisierten wir meine Flucht aus dem ISIS-Gebiet.

Wie haben andere Bewohner auf das Gesetz reagiert?

Ali: Nachdem die Entscheidung verkündet worden war, gab es große Ängste bei der Bevölkerung von Deir Ezzor. Die Angst war größer bei den Eltern von Söhnen, die noch nicht bei ISIS dabei waren. Sie konnten das Gesetz nicht öffentlich ablehnen und sie konnten ISIS nicht daran hindern ihre Söhne zu nehmen und sie an die Front zu schicken.

In den vom ISIS kontrollierten Gebieten kann niemand seine Meinung äußern oder sich gegen eine Entscheidung von ISIS stellen. Nur Gehorsam wird akzeptiert. Deshalb war Flucht die einzige Möglichkeit für Menschen aus Deir Ezzor, um sich der Wehrpflicht zu entziehen. Aber die Reise aus dem Gebiet heraus ist gefährlich. Die Straßen, die man benutzen muss, sind voller Kontrollstellen und Patrouillen des ISIS. In der Wüste um Deir Ezzor gibt es willkürlich angelegte Minenfelder, sowohl im Norden wie auch im Süden.

Wie konntest Du Deir Ezzor verlassen?

Ali: Zunächst einmal musste ich von Mayadeen nach al-Shadadeh in der Provinz Hasaka geschmuggelt werden. Dort lebt meine Tante. Während der Reise von Mayadeen nach al-Shadadeh war ich voller Angst, da ISIS die Menschen daran hindert, die Gegend zu verlassen, insbesondere junge Männer im kampffähigen Alter. Auf den Straßen nach Hasaka, Raqqa und Damaskus gab es Straßenkontrollen. ISIS hatte auch Streitkräfte in der Wüste im Norden und Süden stationiert, um den Schmuggel von Familien und die Flucht junger Männer zu verhindern.

Ich hatte Glück. Mein Schmuggler nahm zwei Tage lang Wege durch die Wüste, bis wir das von ISIS gehaltene Territorium in Deir Ezzor verlassen konnten und die Gebiete erreichten, die von den Syrischen Demokratischen Kräften kontrolliert werden. Aber auch dort waren wir bedroht durch die in der Gegend verlegten Landminen. Endlich erreichten wir das Lager al-Sadd, eine informelle Siedlung, die an der Straße von Hasaka nach Deir Ezzor liegt. Dort blieb ich 15 Tage.

Schließlich konnte mich meine Tante aus dem Lager herausholen. Bei ihr blieb ich 10 Tage, bis mich ein anderer Schmuggler von al-Shadadeh in ein Gebiet östlich von Aleppo und dann nach Jarablus brachte.

Hast Du vor Deiner Flucht aus Deir Ezzor den Eindruck gehabt, dass ISIS ernsthaft unter Druck steht?

Ali: Jeder in Deir Ezzor, auch ich, merkte, dass die Zahl bei ISIS deutlich abnahm, auch bei der islamischen Polizei, der Hesbah Polizei und sogar bei den zivilen Bediensteten in den Schulen oder Wasserstationen. Viele von ihnen wurden an die Front überstellt.

Viele Angehörige des ISIS liefen auch über und flohen. Oft hörst du Gespräche von Leuten, die bei ISIS waren und in den Norden Syriens oder in benachbarte Länder fliehen konnten, wie nach Jordanien oder in die Türkei.

ISIS reagiert auf Überläufer damit, indem sie deren Eigentum konfiszieren. Er erklärt auch, dass diese Leute fliehen, weil sie von ISIS als Verräter enttarnt wurden – was aber nicht immer der Fall ist.

Es ist klar, dass dem ISIS zu dieser Zeit nicht mehr so vertraut wurde wie zu Beginn. Ich habe niemanden gesehen, der sich ISIS freiwillig neu angeschlossen hat.

ISIS ist in voller Alarmbereitschaft. Er ist zerrüttet zwischen Kämpfen und dem Versuch, die Gesellschaft aufrechtzuerhalten, die er aufgebaut hat.

Yasser Allawi, News Deeply – Syria Deeply: Conversations - Fleeing ISIS Conscription in Deir Ezzor. 6. November 2017. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2018.

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