Yasmin Ricci-Yahav

Yasmin Ricci-Yahav

Israel: Gedanken einer Kriegsdienstverweigerin über ein Militärgefängnis

von Yasmin Ricci-Yahav

(03.11.2019) Im Militärgefängnis, noch bevor die anderen Mädchen deinen Namen wissen, fragen sie dich, warum du da bist. Das ist die erste Frage, die jedem Mädchen dort gestellt wird. Und ihre Antwort, und noch mehr die Art und Weise wie sie antwortet, ermöglicht den anderen, mehr über dich zu wissen. Ist sie wütend oder hat sie Angst? Scheint ihre Bestrafung gerechtfertigt zu sein? Ist dies das erste Mal im Gefängnis, oder weiß sie, wie die Dinge hier laufen? Bleibt sie eine Weile, lohnt es sich, sie kennenzulernen? Wenn ein Mädchen nachts in eine Zelle kommt, sitzen die anderen auf ihren Betten und beobachten sie aufmerksam. Sie wollen versuchen zu verstehen, welche Art von Person in den nächsten Tagen oder Wochen ihre Zelle und ihr Leben teilen wird. Aber nachdem die üblichen Fragen beantwortet sind und das Mädchen erklärt, warum und wie lange sie da sein wird, wird das Gespräch schnell ruhiger und normaler.

Oberflächlich betrachtet ist auch meine Erfahrung mit dieser ersten Begegnung so. Ich werde gefragt, warum ich im Gefängnis bin und für wie viele Tage ich verurteilt wurde. Aber hier endet auch schon das typische Geschehen. Als ich sage, dass ich eine Kriegsdienstverweigerin aus Gewissensgründen bin, dass ich Pazifistin bin, werde ich sofort gebeten, das zu erklären und näher zu erläutern. Nachdem ich dargelegt habe, dass ich nicht glaube, dass Kriege zu langfristigen Lösungen führen und dass ich nicht an einer Organisation beteiligt sein kann, die Gewalt und ganz allgemein Aggression benutzt und im Speziellen nicht Teil der Besatzung sein kann, da wird mir immer die gleiche Frage gestellt: „So, dann bist Du also eine Linke?“ Ich sage, dass sich Links sein und Pazifismus nicht notwendigerweise überschneiden, aber in meinem Fall bin ich beides. Und dann sehe ich, wie sie geschockt sind. Und dann folgen Fragen über Fragen.

Als ich zum ersten Mal verurteilt wurde, waren diese Fragen für mich verblüffend und schockierend. Sie fragten mich, warum ich auf „ihrer“ Seite und nicht auf „unserer“ stehe, warum ich glaube, dass Israel nicht uns gehören sollte, warum ich wollte, dass alle Soldat*innen sterben. Ich wusste nicht, wie ich auf diese Fragen antworten sollte, weil ich mir nie hätte vorstellen können, dass mir jemals jemand solche Fragen stellen könnte. Die ersten Male, als ich keine logische Antwort auf eine Frage formulieren konnte, die meiner Meinung nach völlig unvernünftig war, antwortete ich einfach nicht. Ich dachte, sie wollten mich verärgern. Aber als die Zeit verging, wurde mir klar, dass sie nicht versuchten, mich zu ärgern, sondern aufrichtig glaubten, dass ich und alle anderen Linken das Leben so sehen – dass unser Weltbild uns befiehlt, eine unmögliche, unlogische, alternative Lebensweise zu suchen und dass uns das Leben der israelischen Bürger und Soldat*innen nichts bedeutet. Kurz: dass wir uns mehr um das Leben von Fremden kümmern als um das Leben der Menschen, die wir kennen.

Ich konnte nur schwer mit diesem Bild umgehen. Es war schwierig, andere davon zu überzeugen, dass ich nicht an die Überzeugungen glaube, die sie mit mir verbanden. Es war schwierig, mich nicht in der Defensive zu fühlen. Aber bald realisierte ich, dass mir diese Gespräche Unwohlsein bereiteten, weil ich sie nie hatte führen müssen. Ich war nie gezwungen, die Grundlagen meiner Überzeugungen darzulegen. Ich musste nie die Fakten und Erzählungen darlegen, die meiner eigenen Weltanschauung zugrunde liegen. Ich musste nie den Ursprung meiner Überzeugungen erklären.

Bislang hatte ich mit Menschen über Politik und Geschichte sowie über aktuelle Ereignisse und Religion gesprochen, die die Dinge größtenteils ähnlich sahen wie ich selbst. Einige dachten anders über das ein oder andere Thema, aber die allgemeine Sichtweise stimmte überein. Klar, während der Mittelschule habe ich viele Menschen getroffen, die mir überhaupt nicht zustimmten. Aber wir haben nie wirklich diskutiert, nur Schlagwörter in die Runde geworfen. Jetzt saß ich plötzlich Mädchen gegenüber, die Antworten auf Fragen verlangten, die ich mir nie hätte vorstellen können.

Ein Gespräch, was es immer wieder gab, drehte sich zum Beispiel um den Unterschied zwischen Mördern und Terroristen. Während meiner ersten Woche im Gefängnis war ich mit sieben anderen Mädchen in einer Zelle. Irgendwann am Tag waren wir für einige Zeit gemeinsam dort eingeschlossen. Als ein Mädchen hörte, wie ich sagte, dass Palästinenser*innen die gleichen Menschenrechte verdienen wie Jüd*innen in Israel, stellte sie mir eine überraschende Frage: „Was ist, wenn ein Terrorist in dein Haus kommt und deinen Vater ersticht? Würdest du da stehen und ihn bitten, aufzuhören? Nein, du würdest ihn töten, weil er gerade deinen Vater getötet hat. Richtig?“ Diese Frage war total persönlich. Die Mädchen saßen da und beobachteten mich, als ich mich bemühte, eine Antwort zu formulieren, die ich für ehrlich hielt. Ich antwortete, dass ich glaube, dass jeder Mensch und jedes Land das Recht habe, sich selbst zu verteidigen. Wenn ein Mörder mein Haus betreten würde, würde ich natürlich alles in meiner Macht Stehende tun, um den Angriff zu stoppen. Aber, so fügte ich hinzu, unser Land basiert auf Gesetzen und Verfahren. Ich würde die Polizei und Gerichte über das Schicksal dieser Person entscheiden lassen. Meine Antwort sorgte für Gelächter. Ein Terrorist, so sagten sie mir, verdiene nichts anderes als den Tod. Es spiele keine Rolle, was der Richter sagt – jede Person, die einen Terroristen sieht, habe das Recht, ihn zu töten. Wenn ein Jude einen anderen Juden ermorde, sei das ein Fall für die Gerichte. Wenn ein Araber einen Araber töte, dann müssen die damit umgehen. Aber ein Terrorist sei ein Terrorist, und der habe den Tod verdient.

Bis dahin hatte ich noch nie darüber nachgedacht, dass es eine Grenze geben könnte, wann ein Mörder ein Verfahren verdient und wann nicht. Aber diese Mädchen hatten das. Sie zogen die Grenze zum Terrorismus – das sei, so wie sie es sahen, die Ermordung eines Juden durch einen Araber. Nach unserem Gespräch und mehreren anderen zum selben Thema war ich gezwungen, meine Meinung dazu zu formulieren. Das Konzept der Gerechtigkeit vor dem Gesetz, das für mich so offensichtlich war, dass es keiner weiteren Überlegung bedurfte, wurde plötzlich komplexer. Meine Meinung hat sich nicht geändert, aber meine Perspektive. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der das, was ich für vernünftig halte, von manchen anderen als völlig unvernünftig angesehen wird. Ich bin nie aus meiner eigenen Welt herausgekommen, um zu sehen, was außerhalb dieser Welt so anders ist.

Also begann ich, meine automatisch gegebene Antwort zu überarbeiten. Ich wählte meine Worte vorsichtiger und präziser aus. Und es wurde einfacher. Als wir in unseren Weltanschauungen Gemeinsamkeiten feststellten (die Situation hier verursacht Leiden und Schmerzen für alle, einschließlich der Israelis, einschließlich mir und ihnen), wurde es einfacher, über unsere Optionen, unsere Zukunft und unsere Rollen zu diskutieren, um diese Zukunft zu gestalten. Das soll nicht heißen, dass wir uns über die meisten Dinge einig waren, ganz im Gegenteil. Aber die Gespräche waren respektvoll, aufschlussreich und aufrichtig.

Als ich einmal mit zwei Mädchen sprach, die anderer Meinung waren, brachte ich den Angriff auf ein palästinensisches Haus in Duma als Beispiel für jüdischen Terrorismus zur Sprache, wo ein 18-Monate altes Kind tödlich verbrannte. Ein Mädchen sagte dazu beiläufig: „Das ist mir egal.“ Bevor ich darauf reagieren konnte, sagte das zweite Mädchen zum ersten und deutete auf mich: „Warte. Halt, Ich stimme ihr nicht zu, aber kein Kind verdient es zu sterben. Dafür gibt es keine Entschuldigung.“ Ich hatte dabei das Gefühl, dass es von ihrer Seite Mut brauchte, um so etwas zu sagen. Sie betonte zwar, ich habe im Grundsatz nicht recht, aber das andere Mädchen auch nicht. Der Vorfall in Duma erforderte einen komplexeren Ansatz. Die Idee in unseren Gesprächen im Gefängnis war, zu verstehen, warum die andere einer bestimmten Überzeugung war, und nicht, sie davon zu überzeugen, dass sie falsch lag. Dies war für mich eine neue Erfahrung, die mir willkommen war.

Mir wurde klar, dass ich noch nie so ernsthafte Diskussionen über die „heißen Themen“ Israels geführt hatte. Sie zwangen mich dazu, meine Gedanken zu sammeln. Wenn ich sorgfältiger meine Position darlegen musste, wurde auch meine Meinung deutlicher. Außerdem, und das ist sehr zu begrüßen, fanden diese Gespräche nicht statt, um andere in der Zelle anzugreifen. Wenn sie beendet waren, setzten wir den Alltag fort, fast immer unbelastet von anhaltendem Ärger oder Ekel.

Natürlich ist das Gefängnis keine perfekte, tolerante Märchenwelt. Mädchen schrien und fluchten. Sie warfen in meiner Gegenwart mit provozierenden Kommentaren um sich, um zu sehen, wie ich reagieren würde. Aber die Sache mit dem Gefängnis ist: Egal wie sehr die Mädchen sich manchmal hassen, sie müssen alle zusammen leben, essen und schlafen. 24 Stunden am Tag sind sie von anderen Mädchen umgeben, und früher oder später lernen sie, dass sie mit ihnen leben müssen, ob sie es mögen oder nicht. In meinen Gesprächen mit diesen Mädchen mussten sich beide Seiten nicht nur Dinge anhören, mit denen sie nicht einverstanden waren, sondern auch relativ ruhig dabei bleiben (denken Sie daran, dass in den israelischen Streitkräften keine Politik erlaubt ist) und später das gemeinsame Leben fortsetzen. Bei vielen Gesprächen ging ich nachdenklich fort, dachte über die Punkte nach, die angesprochen wurden und wie ich sie sehe. Ich denke, den anderen Mädchen ging es ähnlich, weil es nicht ungewöhnlich war, ein Gespräch wieder aufzunehmen, das scheinbar einige Tage zuvor beendet gewesen war.

Erst nachdem ich einige Zeit im Gefängnis verbracht hatte, wurde mir klar, wie sehr uns solch ein Prozess in der israelischen Gesellschaft fehlt. In unserer Gesellschaft können wir unser ganzes Leben damit verbringen, mit unseren Freunden und unserer Familie, die ähnliche Meinungen haben, wenn auch nicht identische, die Übereinstimmungen zu teilen. Wir können die andere Seite dämonisieren, ihnen Worte und Meinungen unterschieben, ihnen aber nie die Möglichkeit geben, sich selbst zu erklären oder unsere Vorurteile zu widerlegen. Wir können uns erleuchtet, gebildet und realistisch fühlen ohne tatsächlich produktive Gespräche mit denen zu führen, die mit unseren Wahrnehmungen nicht übereinstimmen. Die israelische Gesellschaft braucht dringend eine umfassendere ehrliche Diskussion, die mit Respekt und Offenheit geführt wird. Vielleicht kann sie etwas von den Mädchen im Gefängnis Nr. 6 lernen.

Die 18-jährige Autorin ist derzeit zum vierten Mal wegen ihrer Kriegsdienstverweigerung in Haft.

Yasmin Ricci-Yahav: A Conscientious Objector’s Thoughts From an Israeli Military Prison. Ha’aretz, 3. November 2019. Übersetzung: rf

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