Rundbrief »KDV im Krieg« - Juni 2020

Rundbrief »KDV im Krieg« - Juni 2020

Syrien: Aus Angst vor Rekrutierung in Assads Armee fliehen Kurden in den Irak

von Elizabeth Hagedorn

(19.12.2019) Bardarash, Irak – Als Giwan vor zwei Monaten aus der Stadt Amuda im Nordosten Syriens floh, war die zu der Zeit stattfindende türkische Militäroffensive nicht der einzige Grund seine Koffer zu packen. „Nicht jeder ist wegen des Krieges geflohen. Viele von uns flohen aus Angst vor dem Regime“, erklärte der 27-jährige, der darum bat, seinen richtigen Namen nicht zu verwenden.

Er und ungefähr 10.000 andere Syrer*innen leben jetzt in Zelten im Lager Bardarash in der Nähe der nordirakischen Stadt Dohuk. Giwan bezahlte einen Schmuggler, um über die Grenze in die kurdische Region im Irak zu kommen, wie die meisten Nachbarn in dem Lager auch. „Wir kamen hierher, nachdem das syrische Regime die Stadt betreten hatte“, sagte er. Wir hatten keine andere Wahl, als aus der Gegend zu fliehen, weil wir wussten, dass sie uns verhaften würden.“

Mitte Oktober wurden syrische Regierungstruppen entlang der türkischen Grenze stationiert. Dies war das Ergebnis eines von Russland vermittelten Abkommens mit den kurdisch geführten Demokratischen Kräfte Syriens1, das türkische Truppen und ihre alliierten Streitkräfte gegen die gerade begonnene Offensive in Nordsyrien abwehren sollte. Die Vereinbarung, getroffen nach dem Abzug der US-Truppen, ebnete den Weg für Ankaras Operation. Die syrische Armee, die Streitkräfte Syriens (SAA), kehrte in die Städte zurück, die sie seit Jahren nicht mehr kontrolliert hatte, und zerschlug damit Hoffnungen auf einen dauerhaften kurdischen Teilstaat im Nordosten.

„Alle flohen. Wir hörten, dass sie diejenigen holen würden, die im wehrpflichtigen Alter sind“, sagte Alan, ein 17-jähriger Flüchtling aus der Stadt Derik über die syrische Armee. Alan, der auch um Anonymität bat, fuhr mit Freunden in seinem Alter auf einem Motorrad an die irakische Grenze. Er sagte, er wolle unbedingt vermeiden, in einer Armee zu kämpfen, in der Wehrpflichtige routinemäßig an die Front geschickt werden. „Sie nehmen alle im Alter von 10 bis 70 mit. Es ist schrecklich, weil sie möglicherweise nicht mehr zurückkehren“, sagte Alan.

Nach dem syrischen Wehrpflichtgesetz müssen alle Männer zwischen 18 und 42 Jahren 18 bis 21 Monate Militärdienst ableisten. Auch wenn Studenten zurückgestellt werden können und es Gründe für eine Ausmusterung und Ausnahmen für die einzigen Söhne von Familien gibt, gibt es keine Regelung für Kriegsdienstverweigerer.

Männer unter 42 Jahren, die ihren Dienst bereits abgeleistet haben, kommen automatisch in die Reserve und können für weitere Aufgaben einberufen werden. Viele sind seit Beginn des Krieges ohne Unterbrechung im Dienst. Es gibt einige Berichte darüber2, dass Männer über 42 zum aktiven Militärdienst einberufen wurden. „Jeder junge Mann im rekrutierungsfähigen Alter ist grundsätzlich gefährdet, zwangsweise einberufen zu werden. Ich denke nicht, dass irgendjemand davor sicher ist“, sagte Basma Alloush, Beraterin für Politik beim Norwegischen Flüchtlingsrat. Sie ergänzt: „Zwangsrekrutierung ist definitiv einer der wichtigsten Gründe, warum Menschen geflohen sind und nicht in naher Zukunft nach Syrien zurückkehren wollen.“

Überläufer und Militärdienstentzieher, verbunden mit hohen Verlusten nach acht Jahren Krieg, haben die Streitkräfte Syriens (SAA) stark geschwächt. Nach einigen Schätzungen ist die Armee 2011 nur noch bei 20-25% der Vorkriegsstärke von rund 330.000 Soldaten.3 Um in den ersten Kriegsjahren die Verluste auf dem Schlachtfeld zu bewältigen, mobilisierte die Armee Reservisten und stützte sich stark auf ausländische Kämpfer. Um der Militärdienstentziehung entgegenzuwirken, führten Polizei und staatliche Sicherheitskräfte Hausdurchsuchungen durch und errichteten Kontrollpunkte, um Männer im wehrpflichtigen Alter einzuberufen.

Mit weiteren Zwangsmethoden wurden Familien in vom Regime kontrollierten Gebieten bedroht, deren Söhne sich nicht zum Dienst gemeldet hatten. Die Regierung von Bashar al-Assad versuchte auch, Männer durch beschämende Aussagen zur Rekrutierung zu bringen, insbesondere durch ein Video im März 20184, in dem weibliche Freiwillige den Kampf für die Armee trainieren.

Mit zunehmender Reduzierung der Armeestärke bot Damaskus Militärdienstentziehern und Deserteuren eine Amnestie an5, wenn sie sich innerhalb einer festgesetzten Zeit selbst zurückmelden. Von denjenigen, die sich stellten, wurde erwartet, dass sie den noch überfälligen Dienst ableisten. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie nicht bestraft werden würden, obwohl sie geflohen sind oder sich nicht zur Einberufung gemeldet hatten. „Es gibt nicht viel Vertrauen, dass das syrische Regime seine Versprechen zur Amnestie einhält“, sagte Mai El-Sadany, ein Menschenrechtsanwältin und Rechts- und Justizdirektorin am Tahrir-Institut für Nahostpolitik (TIMEP). El-Sadany verweist auf Berichte über Schikanen, willkürliche Verhaftungen und Ermordungen junger Männer, die in vom Regime gehaltenen Regionen als illoyal angesehen werden. Eine Anfang dieses Jahres durchgeführte Umfrage6 unter Syrern, die in von der Regierung verwaltete Teile des Landes zurückkehrten, ergab, dass vermutlich 72% der Verhafteten unter die Amnestieregelung, der sogenannten Aussöhnung, fallen. „Die Aussöhnung wurde in keinster Weise in Syrien eingehalten und ich sehe nicht, warum das im Nordosten des Landes anders sein sollte“, sagte El-Sadany.

Im Oktober hatte das syrische Verteidigungsministerium erklärt, es sei bereit, Männer im Nordosten aufzunehmen, die ihren Militärdienst noch nicht vollständig abgeleistet hätten.7 Die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) jedoch, die ihre eigenen Dienstregelungen hat, lehnte den Aufruf an ihre Kämpfer ab, sich den Streitkräften Syriens (SAA) anzuschließen.8

Assad hat inzwischen feierlich erklärt, die Kontrolle über das ganze Land wiederherzustellen – einschließlich der kurdischen Gebiete. Der syrische Präsident hat versprochen, die „neuen Gegebenheiten vor Ort zu respektieren“, die es im Nordosten gibt. Die Flüchtlinge sind aber gegenüber solchen Zusagen skeptisch. Noch im September bezeichnete sein Außenministerium die SDF als „separatistische terroristische Miliz“ und erklärte, die kurdischen Gebiete zu „befreien“9.

„Den Kurden gegenüber war er nie fair“, sagte Baran, ein 20-jähriger aus dem Lager Bardarash. Nach Baran (Name geändert) gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass das lange unterdrückte kurdische Volk in einem Nachkriegssyrien besser behandelt werden wird. „Das Regime wird wieder auf die Beine kommen“, sagte er. „Wir wollen nur mehr wertgeschätzt werden.“

Fußnoten

1 https://thedefensepost.com/2019/10/13/syria-government-russia-kobani-manbij-sdf/ Die Demokratischen Kräfte Syriens sind in am 10. Oktober 2015 gebildetes Militärbündnis in Syrien und besteht u.a. aus den kurdischen Volksverteidigungseinheiten, den Frauenverteidigungseinheiten, einer kurdisch-turkmenischen Einheit, der sunnitisch-arabischen Armee der Revolutionäre und dem assyrisch-aramäischen Militärrat

2 www.ft.dk/samling/20161/almdel/UUI/bilag/230/1780523.pdf

3 https://pro-justice.org/wp-content/uploads/2019/05/Transformations_of_the_Syrian_MilitaryThe_Challenge_of_Change_and_Restructuring_V3_Web_V1-2.pdf

4 https://kurzelinks.de/pc1u

5 www.sana.sy/en/?p=148449

6 www.syacd.org/wp-content/uploads/2019/11/FinalSACDSecreport.pdf

7 www.sana.sy/en/?p=177216&fbclid=IwAR0GWtXB4YjPGOXG4Mtc8Pj_wtiTdSv7gsjQGPCEzacpAy9OxikVnoXJo-g%5d

8 https://thedefensepost.com/2019/10/30/syrian-arab-army-sdf-turkey/

9 https://thedefensepost.com/2019/09/15/syria-sdf-separatist-terrorist-un-letter/

Elizabeth Hagedorn: Fearing conscription into Assad‘s army, Syrian Kurds flee to Iraq. 19. Dezember 2019. Übersetzung: rf. Quelle: https://thedefensepost.com/2019/12/12/syria-refugees-conscription. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Juni 2020

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