Russland: Flucht vor der Beteiligung am Krieg

Aktuelle Zahlen, September 2023

von Rudi Friedrich

(19.09.2023) Wir wissen, dass Tausende Militärdienstpflichtige aus Russland geflüchtet sind. Es ist aber nicht möglich, genaue Zahlen über Desertion, Kriegsdienstverweigerung und Militärdienstentziehung in Russland zu erhalten. Keine Statistik erfasst, wie viele es wirklich sind.

Auf Grundlage neuer Informationen aktualisieren wir unsere Schätzung für die Zahl der geflüchteten militärdienstpflichtigen Männer aus Russland. Wir kommen nun auf eine Zahl von zumindest 250.000 geflohenen militärdienstpflichtigen Männern.

Im September 2022 hatten wir auf Grundlage verschiedener Statistiken eine Schätzung erstellt, wie viele militärdienstpflichtige Männer aus Russland, Belarus und der Ukraine geflohen sind. Für Russland kamen wir dort auf eine Schätzung von mindestens 150.000, für Belarus auf zumindest 22.000 und für die Ukraine auf zumindest 170.000. Inzwischen dürften diese Zahlen gestiegen sein. Auf Grundlage neuer Informationen wollen wir deshalb mit dieser Zusammenstellung unsere Schätzung für die Zahl der geflüchteten militärdienstpflichtigen Männer aus Russland aktualisieren.

Wer ist verpflichtet zur Armee zu gehen?

In Russland wurde die Wehrpflicht von 18 Jahren auf bis zu 30 Jahren erweitert. Zudem können insbesondere Reservisten für einen Kriegseinsatz einberufen werden. So hat die russische Regierung die Altersgrenze für eine mögliche Einberufung von Vertragssoldaten Ende Mai 2022 auf 65 Jahre angehoben. Frauen werden angeworben, sind aber bislang von diesen Regelungen ausgenommen, sie sind in Russland nicht wehrpflichtig. Allerdings könnten auch Frauen mit kriegswichtigen Berufen, z.B. im medizinischen Bereich, rekrutiert werden. Hinzuweisen ist auch darauf, dass sich die Regelungen im Kriegsverlauf jederzeit ändern können. Wir gehen in unserer Schätzung davon aus, dass die Soldaten, die zum Kriegsdienst eingezogen und eingesetzt werden, grundsätzlich aus der Gruppe der 18 bis 65 Jahre alten Männer kommen.

Ausnahmeregelungen

Für die Rekrutierung gibt es in Russland eine Reihe von Ausnahmeregelungen. So gibt es die Möglichkeit der Ausmusterung, die auch mittels Korruption häufig praktiziert wird. Es gibt die Möglichkeit, wegen Ausbildung oder Studium zurückgestellt zu werden. Und es gibt die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung, die allerdings in Russland sehr restriktiv gehandhabt wird. Mit der Teilmobilisierung im September 2022 gibt es nun eine breit angelegte Rekrutierung vor allem von Reservisten. Weitere Informationen dazu und zur Rekrutierungspraxis sind zu finden im Bericht vom Internationalen Versöhnungsbund und im Annual Report des Europäischen Büros für Kriegsdienstverweigerung.

Russland begann den Krieg als sogenannte Sonderoperation und behauptete, dass keine Wehrpflichtigen in der Ukraine eingesetzt werden, sondern nur Vertragssoldaten. Verschiedene Beispiele zeigten jedoch, dass Wehrpflichtige dazu genötigt wurden, Verträge zu unterschreiben, so dass sie sich unversehens in der Ukraine wiederfanden. Uns erreichen auch Berichte, die aufzeigen, dass auch andere Personen rekrutiert werden.

Um die Ausnahmeregelungen in den Zahlen widerzuspiegeln, haben wir die vorhandenen Zahlen zu Männern zwischen 18 und 65 Jahren reduziert. Im Falle Russlands gehen wir also davon aus, dass nur 70% der Männer im Alter von 18 bis 65 Jahren nach den aktuellen Vorgaben wirklich im Herkunftsland rekrutiert werden könnten.

Bei all dem ist zudem zu beachten, dass sich die Situation für die Wehrpflichtigen und Reservisten aufgrund der Kriegssituation jederzeit ändern kann. Das gilt auch für eine mögliche Rekrutierung von Frauen. Es ist nicht auszuschließen, dass bei Fortführung des Krieges auf eine größere Gruppe von Menschen zurückgegriffen wird, die Ausnahmeregelungen und Zurückstellungen aufgehoben werden, das Militär für Frauen weiter geöffnet oder verpflichtend wird usw.

Umfang der Flucht und Zielländer

Im Juli 2023 veröffentlichte das oppositionelle Netzwerk für Analyse und Politik RE: Russia eine Studie zum Thema Flucht aus Russland vom 24. Februar 2022 bis Juli 2023. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass in diesem Zeitraum 820.000 bis 920.000 Menschen Russland verlassen haben.

Auswanderung aus Russland aufgrund des Krieges, 2022-2023

 

Obere Schätzung

Untere Schätzung

Kasachstan

150.000

150.000

Serbien

150.000

150.000

Armenien

110.000

110.000

Montenegro

85.000

65.000

Türkei

100.000

90.000

Europäische Union

100.000

55.000

Georgien

62.000

62.000

Israel

85.000

75.000

USA

40.000

30.000

Andere Länder

30.000

30.000

Gesamt

922.000

817.000

RE: Russia: Escape from War: New data puts the number of Russians who have left at more than 800,000 people. 28.7.2023.

Die überwiegende Zahl der Flüchtlinge aus Russland ging also in Länder außerhalb der Europäischen Union. Eurostat gibt Zahlen darüber an, wie viele in den 27 Ländern der Europäischen Union Asyl beantragt haben. Danach haben im Zeitraum von Februar 2022 bis einschließlich April 2023 21.790 russische Staatsangehörige in der EU Asyl beantragt, also lediglich 2,65%.

Die Fluchtbewegung aus Russland hat auch viel damit zu tun, dass das politische Klima und die Restriktionen gegen Oppositionelle deutlich verschärft wurden. Viele waren zu Beginn des Krieges auf die Straße gegangen oder hatten in den Sozialen Medien gegen den Krieg protestiert. Das wurde von Polizei und Sicherheitsbehörden scharf verfolgt. Das war somit auch einer der Gründe für das Verlassen des Landes. Auf der anderen Seite müssen wir auch sehen, dass alle Männer, die grundsätzlich der Militärdienstpflicht unterliegen, eben auch mögliche Rekruten sein können, selbst wenn das erst einmal nicht ihr ursächlicher Grund für die Flucht ist. Und die Opposition zum Krieg zeigt zudem, dass sie wenig Interesse daran haben dürften, in diesen Krieg einberufen zu werden.

Es stellt sich also die Frage, wie viele Männer und Frauen sich unter den Flüchtlingen befinden? Und wie viele Männer im entsprechenden Alter sind? Hier kann uns die Statistik von Eurostat über die Asylantragszahlen einen Hinweis geben.

Eurostat gibt an, dass von Februar 2022 bis April 2023 insgesamt 21.790 Asylanträge von russischen Staatsbürger*innen gestellt wurden, darunter sind 9.580 Anträge von Männern im Alter zwischen 18 und 64 Jahren. Das entspräche etwa 44% der Gesamtzahl der Asylantragsteller*innen im gleichen Zeitraum.

Wir gehen also davon aus, dass etwa 44% der Flüchtlinge aus Russland Männer im Alter von 18-64 Jahre sind. Aufgrund der Ausnahmeregelungen für den Militärdienst reduzieren wir in unserer Schätzung diese Zahl um 30%.

Flucht aus Russland - Januar bis September 2022

 

Flucht aus Russland – Februar 2022 bis Juli 2023

1

Gesamtzahl der Flüchtlinge

> 820.000

2

Männer zwischen 18 und 65 Jahren (44% Pos. 1)

360.800

3

Männer militärdienstpflichtig (70% von Pos. 2) geschätzt

250.000

Für die Zeit vom Februar 2022 bis Juli 2023 kommen wir somit auf der Basis von zumindest 820.000 Personen, die Russland verlassen haben, auf eine Zahl von zumindest 250.000 geflohenen militärdienstpflichtigen Männern.

Rudi Friedrich: Flucht vor der Beteiligung am Krieg - Aktuelle Zahlen zu Russland, 19. September 2023. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe November 2023

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