Türkei: Ein kleiner Schritt macht uns zusammen groß!

Zum Marsch von Roboski nach Ankara

von Halil Savda

Am 25. April 2019 berichtete der aus der Türkei stammende Kolumnist und Kriegsdienstverweigerer Halil Savda auf einer Veranstaltung in Hamburg über seinen Friedensmarsch von Roboski nach Ankara. 2012 hatte er sich aus Protest gegen den Krieg in der Türkei und in Erinnerung an die Tötung von 34 Zivilpersonen in Roboski auf einen 1.300 km langen Weg nach Ankara gemacht. Halil Savda lebt heute im Exil in Zypern. (d. Red.)

Heute will ich Euch von einem Beispiel einer gewaltfreien Aktion in der Türkei berichten. Zum 1. September 2012 liefen wir von Roboski nach Ankara, der Hauptstadt der Türkei. Ein solcher Friedensmarsch von über 1.300 km war für die Türkei einmalig.

Eigentlich wollte ich die Idee zu einem Friedensmarsch bereits 2011 umsetzen. Hintergrund war für mich der schon seit über 40 Jahren andauernde Krieg zwischen der Türkei und der PKK. Auch wenn es zwischendurch mal eine Pause gab, beendet wurde er nie. In der zweiten Jahreshälfte 2011 kam es erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Zu der Zeit war ich in Istanbul auf einem Treffen von linken Parteien, Zivilorganisationen und Friedensaktivist*innen. Thema des Treffens war, was wir für den Frieden tun können.

Während des Treffens starben in Hakkari 12 Menschen bei einem Gefecht. Sechs davon waren Soldaten, die anderen sechs Guerrillas. Daraufhin machte ich auf dem Treffen folgenden Vorschlag: „Lasst uns einen Marsch von Hakkari nach Ankara oder Istanbul organisieren. Lasst uns marschieren und T-Shirts mit Bilder von den 12 Personen tragen, die gerade im Konflikt getötet worden sind.“

Gegen meinen Vorschlag gab es eine Reihe von Einwänden: „Es ist ein langer und gefährlicher Weg. Die Türkei befindet sich in einem Konflikt. Es könnte Provokationen auf dem Weg geben.“ Alternativ wurde vorgeschlagen und beschlossen, von der Straßenbahnhaltestelle am Platz Taksim bis zum Galatasaray-Platz zu gehen. Dies war jedoch nur eine Wiederholung der üblichen Friedensaktivitäten und somit in seiner Wirkung auch sehr begrenzt. Ich musste irgendetwas anderes machen.

Also schrieb ich gleich nach dem Treffen einen Aufruf und veröffentlichte den Artikel in einigen Zeitungen und auf verschiedenen Websites. Es gab jedoch kaum Feedback. So gab ich die Idee auf.

Am 28. Dezember des gleichen Jahres wurden fast 40 zivile Personen von türkischen Kampfflugzeugen an der irakisch-türkischen Grenze bombardiert. Sie waren mit ihren Pferden an der Grenze unterwegs, um mit Treibstoff oder Zigaretten zu handeln. Das Einkommen der meisten Dörfer an der Grenze zum Irak beruhte auf diesem Grenzhandel. Sie führten ihren Handel mit Wissen der Polizei und der Soldaten durch, die die Grenze kontrollierten. Bei dem Angriff starben 34 Menschen, unter ihnen auch einige Kinder. Der Angriff war Teil der Auseinandersetzungen zwischen der PKK und dem türkischen Staat, einer wachsenden Spirale der Gewalt.

Aufruf zum Friedensmarsch

Ich beschloss daraufhin, genau dort für den Frieden zu marschieren. Am 28. August erklärte ich mit einem an die Öffentlichkeit gerichteten Artikel meine Absicht:

„Wir leben an einem historischen Wendepunkt von Krieg und Frieden in der Türkei. Seit nun 30 Jahren fließt täglich Blut. Fast jeden Tag sehen wir im Fernsehen eine Todesnachricht oder eine Beerdigungszeremonie. Aktivist*innen, die sich für Menschenrechte, die sich gegen Krieg und für den Frieden engagieren, müssen neue Wege anbieten. Andernfalls wird dieser Krieg weiter unsere Gesellschaft vergiften und verletzen.

Das Massaker von Roboski ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, das auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass der Staat seine Form der Sicherheits- und Kriegspolitik als die einzige Wahrheit sieht, um den Krieg zu beenden. Das Kurdenproblem kann jedoch nicht mit Krieg oder noch mehr Sicherheitsmaßnahmen gelöst werden, sondern nur durch mehr Freiheit und durch Frieden.

Mehr Frieden bedeutet mehr Brot, da das Brot, der Schweiß und das Geld des Volkes derzeit für Waffen, für Soldaten und für die Sicherheitskräfte verwendet wird. Mehr Sicherheit, mehr Bewaffnung heißt auch weniger Brot. Die Forderung, die Waffen zum Schweigen zu bringen, ist zugleich Widerstand gegen das derzeitige ‚Verständnis und die Struktur der Sicherheitskräfte des Staates‘.

Aus diesem Grund werde ich am 1. September, am Weltfriedenstag, einen Marsch von Roboski nach Ankara beginnen, einen 1.300 km langen Weg. Ich werde für den Frieden auf eine 40-tägige Reise gehen!

Während meiner Reise werde ich in jeder Stadt, die ich besuche, über die durch den Krieg verursachten Menschenrechtsverletzungen berichten. Krieg ist nicht unser Schicksal, es darf nicht unser Schicksal sein! Wir können diesen Krieg aufhalten, wir müssen es!

Mahatma Gandhis Worte sind: ‚Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.‘ Ich möchte diese Veränderung für mich durch meinen Weg selbst verwirklichen. Ich will auf die erlebten Ungerechtigkeiten antworten.

Martin Luther King sagte: ‚Dunkelheit wird nicht durch Dunkelheit beendet, sondern durch Licht. Hass wird nicht durch Hass beendet, sondern durch Liebe.‘ Dieses Zitat brachte mich dazu, für den Frieden zu kämpfe. Jetzt verstehe ich: Ich stehe am richtigen Ort.

Ich marschiere, um den Krieg sichtbar zu machen, um Hoffnung für den Frieden zu geben, um den Parteien Frieden und Leben in Erinnerung zu rufen.

Ich habe meine Hoffnung auf Frieden immer vor dem Krieg geschützt. Ich habe nie gezögert, mit meinen Fähigkeit dazu beizutragen, Frieden im Land wachsen zu lassen, selbst wenn mich das ins Gefängnis brachte. Dieses Mal werde ich die Reise machen, um Frieden mit mir selbst zu finden.

Ich glaube: Eine Welt ohne Gewalt ist möglich! Wenn ich mit diesem Marsch dazu beitrage, den Wunsch nach Frieden lauter zu machen und den Weg des Todes von Roboski zu einem Weg des Lebens zu machen, dann bin ich stolz und froh! Ich mache nur einen kleinen Schritt, gemeinsam kann es ein großer werden!“

Ein kleiner Schritt macht uns groß

Am 1. September 2012 begann ich meinen Marsch am Friedhof von Roboski, in dem die 34 Menschen begraben sind, die von den türkischen Kampfflugzeugen getötet wurden.

Mein Freund Miras Ruspî hatte auf meinen Aufruf geantwortet und begleitete mich die ersten drei Tage bis ins Zentrum von Şırnak. Er arbeitete als Grundschullehrer umd musste dann nach Diyarbakır zurückkehren, um seinen Dienst zu beginnen. Er eröffnete eine Facebook-Seite unter dem Titel “Friedenswanderer auf dem Weg des Todes”. Über diese Seite erreichten uns Tausende von Menschen. Sie war zugleich eine Organisationsplattform für Unterstützung und Unterkünfte. So erlebte ich die Macht der sozialen Medien.

Während des Marsches war ich nie allein. Es war immer jemand bei mir. Jihat Ülgen begleitete mich von Şırnak nach Cizre. Heja und Mahmut gingen mit mir von Cizre nach Nusaybin. Yannis Vasilis begleitete mich. Er war während seines Militärdienstes 1994 in Uludere von der PKK gefangen genommen worden. Nach seiner Freilassung 1996 begann er, sich als Friedensaktivist zu engagieren.

Auch Bingöl Elmas schloss sich uns an! Er ist Dokumentarfilmer und Journalist. Serap Halvaşi kam in Sinop. Statt ihr Rentnerinnendasein zu genießen, packte sie ihre Tasche und kam zu uns.

So begleiteten mich Fatoş, Haydar Haykır, Emin Demir, Evindar, Munzur, Ercan Aktaş, İnan Süver, Selda, Macide, Mehmet, Çetin Gürer, Şükran Klein, Hasan Dede, Aysel Kılavuz und Hunderte andere. Gürsel Yıldırım, Deniz Karataş, Ada, Kardelen und Dutzende von Menschen aus Städten wie Hamburg oder Paris unterstützten den Marsch und machten ihn und unsere Forderungen für einen echten Frieden bekannt.

Alle sind Teil des Marsches geworden. Jeden Tag wurden wir mehr. Frauen und Männer aus allen Bereichen und allen politischen Richtungen unterstützten den Marsch. Ich fing allein an, aber am Ende war es ein großartiger Organismus.

Ich wollte nach 40 Tagen in Ankara ankommen, aber aufgrund der zunehmenden Zahl der Teilnehmer*innen und einigen körperlichen Problemen von mir kamen wir erst zehn Tage später an. Als wir Ankara am 20. Oktober 2012 erreichten, wurden wir von 5.000 Frauen und Männern empfangen.

Von der Idee zur Tat

Ich möchte Euch erzählen, worauf meine Idee beruhte. Es war 1995, während des Krieges in Bosnien, als Tausende Männer und Frauen aus der Stadt Srebrenica versuchten, das 110 km entfernte Tuzla zu erreichen. Auf dem Weg wurden Tausende von den bosnisch-serbischen Truppen unter Ratko Mladić abgeschlachtet. Fast sechstausend Männer und Frauen starben. Sie nannten diesen Weg „den Weg des Todes“.

Heute gehen Friedensaktivist*innen und Menschenrechtsorganisationen diesen Weg jedes Jahr in drei Tagen, um an dieses Massaker zu erinnern und um sicherzustellen, dass es nicht noch einmal Krieg gibt.

Dieser alljährliche Friedensmarsch war der Hintergrund für meine Idee, auch in der Türkei für den Frieden zu marschieren. Tausende junger Männer und Frauen starben in den letzten vierzig Jahren des Krieges in den Bergen von Roboski, wo mein Marsch begann. Tausende Dörfer wurden entlang dieser Straße von Roboski nach Ankara verbrannt oder niedergerissen. Es gibt zahllose ungeklärte Morde. Mein Ziel war es, dass niemand mehr getötet wird, den Krieg in einen dauerhaften Frieden zu verwandeln.

Ich war auch inspiriert von dem Salzmarsch von Mahatma Gandhi, den er in den 1930er Jahren als Teil seines gewaltfreien Kampfes gegen die „Salzsteuer“ durchführte.

Mit meinem Friedensmarsch wollte ich auch exemplarisch eine gewaltfreie Aktion durchführen. Viele Menschen in der Türkei, viele Gruppen wie auch die Regierung setzen bei der Lösung von Problemen auf Gewalt. Dies muss überwunden werden. Es wird keine Möglichkeit geben, eine friedliche und gewaltfreie Zukunft aufzubauen, wenn wir die Gewalt nicht überwinden.

Erfahrungen auf dem Friedensmarsch

Dieser Marsch hat mich eine wichtige Lektion gelehrt. Zunächst einmal: Wenn Du etwas glaubst und fühlst, dann tue es. Am Anfang hatte ich sehr wenig Geld und war eigentlich noch nicht bereit zu gehen. Aber ich wurde über die Strecke körperlich fitter und wir konnten die finanziellen Schwierigkeiten über die Solidarität überwinden.

Auf dem Weg erlebten wir keine negativen Reaktionen aus der Bevölkerung, wohl aber von den Behörden. So verbot uns der damalige Gouverneur von Osmaniye, Celalettin Cerah, in die Stadt zu kommen. Er behauptete aufgrund von Informationen des Geheimdienstes der Polizei, dass uns in der Kreisstadt Bahçeli die PKK angreifen würde. Damit wollte er den Friedensmarsch provozieren. Aber wir haben uns nicht provozieren lassen.

Nachdem die Provokation fehl schlug, stoppte uns die Polizei am Ausgang der Kreisstadt Bahçeli. Sie legten uns Handschellen an, zwangen uns in die Autos und brachten uns an eine Mautstation an der Autobahn bei Ceyhan. Die Festnahme war widerrechtlich. Es war eine ungesetzliche Handlung. Am nächsten Tag gingen wir daher nach Osmaniye, um Strafanzeige gegen den Gouverneur zu stellen. Aber wir konnten im Gerichtsgebäude keinen Staatsanwalt finden. Auch einige Polizeistationen erklärten uns, sie seien geschlossen. Schließlich fanden wir eine Behörde, die unsere Anzeige aufnahm. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt, gegen den Gouverneur wurden keinerlei Maßnahmen ergriffen.

Auf dem Friedensmarsch erlebte ich, wenn der Staat niemanden zur Provokation auffordert, dann gibt es auch niemanden, der provoziert. So kamen wir zum Beispiel an einem Morgen am Dorf Camalan in der Nähe von Pozantı an. Man erklärte uns, dass der Kommandant des Reviers mit uns reden wolle. Wir gingen zu ihm. Er bot uns Tee an. Auf unserem Weg lag die Stadt Gölek. Er sagte uns, dass die Stadt eine nationalistische Gemeinde sei. Es könne sein, dass wir konfrontiert würden. „Aber keine Sorge, wir werden ihre Sicherheit gewährleisten. Wir werden ihnen mit einem Militärfahrzeug zu ihrer Sicherheit folgen.“

Die Gemeinde Gölek war in den Händen der MHP, einer rassistischen Partei. An dem Tag waren wir etwa 20 Personen. Wir gingen mit einem Abstand von etwa 20 Metern einer nach dem anderen die Straße entlang. Ich lief am Ende. Als ich nach Gölek herein kam, sah ich, dass die anderen sich vor einem Haus versammelten. Die Anwohner hatten uns zum Tee eingeladen. Anschließend machten wir gemeinsam etwas zum Essen. Sie teilten ihren Tisch mit uns. Als wir uns am Nachmittag schließlich trennten, kam eine etwa fünfzigjährige Frau zu mir und erzählte mir, dass ihr Sohn Soldat sei und um sein Leben fürchte. Sie weinte und sagte: „Ich hoffe, ihr Wunsch nach Frieden wird Wirklichkeit und mein Sohn kommt unversehrt nach Hause.“ Wir umarmten uns.

Die Massenmedien wollten den Friedensmarsch nicht wahrnehmen. Dennoch schrieben einige Autoren darüber in ihren Leitartikeln, wie zum Beispiel Mehveş Evin. Berichtet wurde in oppositionellen Zeitungen wie BirGün, Özgür Gündem, Evrensel und im TV-Sender IMC. Viel darüber diskutiert wurde auch in den sozialen Netzwerken wie Bianet, Adil Media und Facebook. So konnten wir ein breites Publikum erreichen.

Die Filmemacherin Deniz Şengenç hatte mich auch kontaktiert. Wir trafen uns in Çamalan. Sie marschierte mit uns mit von Adana aus und bereitete einen Dokumentarfilm vor.

Viele Gruppen und Organisationen unterstützen uns: der Menschenrechtsverein, Gewerkschaften wie Mazlum-Der und KESK, die Partei der Demokratischen Gesellschaft (DTP), die Provinz- und Bezirksgruppen der CHP der Stadt Aksaray, anarchistische Initiativen, Kriegsdienstverweigerer, feministische Gruppen, Gegner*innen der Gewalt, Friedensmütter und Friedensaktivist*innen.

Bevor wir nach Ankara kamen, baten wir, unterstützt vom Menschenrechtsverein und Mazlum-Der bei allen Parlamentsfraktionen um einen Termin. Die Fraktionen von CHP und DTP kamen der Bitte nach und wir konnten mit ihnen im Parlament fruchtbare Gespräche führen. Die Fraktionen von MHP und AKP antworteten uns nicht.

Und heute?

Damals war das politische Klima in der Türkei anders. Und deshalb hat der Staat den Friedensmarsch nicht verhindert. Könnten wir so etwas heute noch machen?

Ich denke, dass es schwierig wäre. Der Staat würde uns vermutlich noch nicht mal nach Roboski kommen lassen. Wenn ich heute solch eine Entscheidung treffen würde, würde ich darauf bestehen, das durchzuziehen, selbst wenn der Staat das verhindern will. Ich würde alles daran setzen, den Plan umzusetzen.

Gewalt löst keine Probleme, sie verschlimmert sie nur. Wir müssen darauf beharren und uns über den gewaltfreien Kampf weiterentwickeln. Manchmal kann aus einem kleinen Schritt etwas erwachsen. Der Friedensmarsch ist in dieser Hinsicht eine wichtige Lehre.

Halil Savda: Ein kleiner Schritt macht uns zusammen groß! Veranstaltungsbeitrag am 25. April 2019 in Hamburg. Übersetzung: cs. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Juni 2019.

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